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Braucht jeder Vorstand einen Chief Sustainability Officer?

Die Vorschriften werden strenger, die Preise für künftige Kohlendioxidemissionen schießen in die Höhe, und die proaktive Nachhaltigkeit von Unternehmen wird zu einem Wettbewerbsvorteil. Ist es da nicht an der Zeit zu überlegen, ob jeder Vorstand einen Chief Sustainability Officer braucht?

6 Minuten gelesen

Professor Dr. Julia Hartmann

 Professorin für Management und Nachhaltigkeit an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht

Braucht jeder Vorstand einen Chief Sustainability Officer?

Julia Hartmann ist Professorin für Management und Nachhaltigkeit an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit den Themen nachhaltige Entwicklung, Corporate Social Responsibility, nachhaltiges Supply Chain Management und Operations. Ihre Forschungsarbeiten wurden im Journal of Operations Management, Journal of Business Ethics, Journal of World Business, International Journal of Operations and Production Management und Journal of Cleaner Production zur Veröffentlichung angenommen. Julia Hartmann erhielt einige Auszeichnungen, darunter der EBS Upcoming Scholar of the Year 2011 Award und der Preis der EBS Studenten für ausgezeichnete Lehrleistung in 2012. Julia Hartmann promovierte im Bereich Sozialwissenschaften, insbesondere Supply Chain Management, in 2008 und habilitierte im Bereich Wirtschaftswissenschaften in 2014.

Management der Lieferkette

1. Julia, du beschäftigst dich in deiner Forschung besonders mit den Themen nachhaltige Entwicklung und nachhaltigem Supply Chain Management. Was ist Supply Chain Management und warum spielt es eine entscheidende Rolle in puncto Nachhaltigkeit?

Die meisten Unternehmen definieren für sich die Supply Chain intern. Die interne Supply Chain umfasst alles was am Wareneingangslager ankommt sowie alle Waren die in Richtung Kunde versandt werden. Aber eigentlich umfasst die Supply Chain sehr viel mehr, nämlich sämtliche Produktionsstufen die vorgelagert sind und damit alles was bereits passiert, bevor das Warenmaterial überhaupt am Wareneingang ankommt. Bei der Herstellung eines T-Shirts beispielsweise betrifft sie den gesamten Prozess von der Produktion von Elasthan und Baumwolle, über die Färbemittel bis hin zum eigentlichen Weben, Zuschneiden und Zusammennähen.

Für das Thema Nachhaltigkeit ist die Supply Chain von besonderer Bedeutung: Die Unternehmen haben im Zuge der Globalisierung immer mehr Produktionsschritte ausgelagert. Durch diese Auslagerung der Wertschöpfung findet auch ein Großteil der sozialen und ökologischen Wirkung außerhalb des Unternehmens statt. Da in diesen Ländern andere Standards und Gesetze gelten, müssen Unternehmen die von globalen Wertschöpfungsketten profitieren auch ökologische Probleme im Blick haben.

Emissionsreduzierung in der Lieferkette

Urban landscape

2. Wo liegt die besondere Herausforderung bei der Reduktion von Emissionen in der Lieferkette?

Es handelt sich um zwei große Problemfelder: Das eine ist die Transparenz und das andere ist die Kontrolle. Beides hängt zusammen, denn die Lieferketten sind historisch gewachsen.

Unternehmen, die entschieden haben einen bestimmten Teil der Produktion auszulagern, haben nicht nur selbst das Know-how über die Herstellung verloren, sondern ihre Lieferanten haben selbst auch weitere Lieferanten gefunden. Das Transparenzproblem entsteht genau an dieser Stelle, denn viele Unternehmen haben eine Vertragsbeziehung mit den direkten Lieferanten, aber kennen die nachgelagerten Lieferanten nicht. 

Das zweite Problem der Kontrolle hängt direkt damit zusammen: Geringe Transparenz bedeutet auch geringe Kontrolle im Bereich der Einhaltung von Menschenrechten und der Emissionsreduktion. Beide Probleme sind durch das Lieferkettengesetz ins Bewusstsein der Unternehmen gerückt worden. 

Lösungen für Nachhaltigkeit

3. Welche Lösungsansätze gibt es für diese Probleme?

Ein entscheidender Teil der Lösung ist tatsächlich die Digitalisierung, weil hierdurch Informationen in Echtzeit dargestellt werden können. Angenommen man würde Lieferanten zu ökologischen und arbeitsrechtlichen Bedingungen befragen und wissen wollen wer ihre Sublieferanten sind, dann wäre das Ergebnis immer eine Momentaufnahme. Lieferketten sind aber nicht statisch, sondern ständig in Bewegung. Es gibt viele Wechsel und Ausfälle von Lieferanten. Die Digitalisierung hilft an dieser Stelle enorm, denn es müssen nicht alle Änderungen abgefragt werden, sondern die Mitglieder in der Lieferkette sind durch eine Technologie, meist Blockchain, miteinander verbunden. Immer wenn sich etwas in der Lieferkette ändert, haben automatisch alle Teilnehmer die Information in Echtzeit.

Das zweite wichtige Thema ist die Schaffung von Anreizen, damit möglichst viele Unternehmen in diese digitale Welt einsteigen. Viele Unternehmen haben beispielsweise Sorge Informationen über sich freizugeben, da sie um ihren Wettbewerbsvorteil fürchten.

Einkaufende Unternehmen können durch das Angebot eines langfristigen Vertrags einen Anreiz schaffen. Außerdem können sie in die Lieferkette investieren und andere Mitglieder unterstützen an einer nachhaltigen Lieferkette zu partizipieren, indem sie helfen soziale oder ökologische Probleme zu beheben. Es geht bei dieser Thematik besonders darum Vertrauen zu schaffen und ökonomische Anreize zu bieten.

Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil

4. Viele Unternehmen haben bereits erkannt, dass Nachhaltigkeit auch ein Wettbewerbsvorteil in der Zukunft sein wird. Trotzdem tun sich einige schwer. Ist es wichtig, dass es in Unternehmen eine zentrale Stelle hierfür gibt, den chief sustainability officer (CSO)?

Klares Jein. Es ist schon so, dass das Thema Nachhaltigkeit zusätzliche Kosten und Arbeit verursacht. Und natürlich brauche ich eine Ressource, die in der Lage ist, hierzu Auskunft zu erteilen. Wenn ein Unternehmen sich anfänglich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt, läuft es oft Gefahr das Problem nur dem CSO zu überlassen. Nachhaltigkeit muss aber überall im Unternehmen eine Rolle spielen, um umgesetzt zu werden. Es kann nicht eine Person dafür verantwortlich sein, die die Zahlen sammelt und dann noch Verbesserungsvorschläge machen soll. Wenn diese Vorschläge dann nicht implementiert werden, weil die Bereichsverantwortlichen keine Verpflichtungen haben, dann kommt es schnell zur Frustration. Ich glaube es ist wichtig, dass ein Unternehmen für sich die insgesamt eine Entscheidung trifft und eine langfristige Chance sieht sich als Player im Markt zu etablieren. Ich persönlich bin zum Beispiel überzeugt davon, dass in 10 Jahren das Thema Nachhaltigkeit ein absoluter Standard sein wird. Und dann muss es Teil der Strategie sein, es müssen Ziele und KPIs definiert werden. Jeder Einzelne muss in seinem Bereich auch eine Verantwortung dafür haben, dass bestimmte ökologische und soziale Ziele erreicht werden. 

Ein CSO sollte diese Ziele bündeln, um beim Reporting auch die Kunden zu informieren, aber wichtig ist das sich Nachhaltigkeit durch das ganze Unternehmen zieht.